 Foto: Peter Rapp "Even" some journalists were overwhelmed by the spirit of the
pilgrimage to Cologne with the WYD cross. pulitzer.de-reporter Inga
Rapp was planning to write a reportage about the pilgrimage, but she
gave up, being personally touched too much. Now she has written a
personal account. You can read it here. Contact us, if you would like
to publish it on your site or in your paper or magazine - we translate
it for you if necessary.
pulitzer.de-Reporterin Inga
Rapp wollte eigentlich eine Reportage schreiben über die Wallfahrt
des Weltjugendtagskreuzes von Dresden nach Köln. Aber daraus wurde
nichts. Zu sehr war sie persönlich berührt und ergriffen. Sie hat nun
ein persönliches Tabuch geschrieben. Kontaktieren Sie uns, wenn Sie
ihren Bericht veröfffentlichen wollen.
„Einer
hat uns angesteckt...“ Immer noch singt es in mir. Immer noch bin
ich von einer seltsamen Ruhe erfüllt und einem Gefühl des
Vertrauens. Nachwirkungen eines ganzen Tages im Schatten des
Weltjugendtags-Kreuzes.
Die 34.
Etappe war es, der ich mich anschloß. 22 km Fußweg von
der Abtei Marienstatt bis zum Wallfahrtsort Marienthal im Westerwald.
Irgendwo dazwischen liegt die Grenze zum Erzbistum Köln. Das
Kreuz wird bald angekommen sein, die 40tägige Wallfahrt von
Dresden nach Köln unter dem Motto „kreuzspuren“ ist dann
beendet.
Latein
im Morgengrauen
Mittwoch,
10. August. Der Tag beginnt mit dem Morgengrauen und mit einer dicken
Portion Latein. Die Zisterzienser-Mönche in der Abtei
Marienstatt feiern die Feste, wie sie fallen. In diesem Fall mittels
lateinischem Hochamt. Es ist wunderschön, die Mönche singen
zu hören. In der kleinen Kirche herrscht eine eigenartige
Atmosphäre. Ich fühle mich ein wenig ausgeschlossen, weil
ich nicht mitbeten kann. Die mir fremde Sprache schafft seltsame
Distanz, nicht einmal das Vater Unser geht ohne einen Blick ins
Gebetbuch. Und über allem steht dieses schlichte Holzkreuz dort
vorne am Altar. Fast vier Meter hoch, fast 40 kg schwer, vor mehr als
20 Jahren der Jugend der Welt vom Papst geschenkt, seitdem fast
ständig durch die ganze Welt unterwegs, in Deutschland
getreulich von der Malteser-Jugend begleitet.
Ich habe
vorher nie verstanden, was für ein Hype um dieses Kreuz gemacht
wird. Die Idee einer 40tägigen Wallfahrt ist sicherlich nicht
schlecht, schließlich gibt es auch vor Ostern und vor
Weihnachten 40 Tage Vorbereitungszeit, aber muß denn immer
dieses Kreuz im Mittelpunkt stehen? Was ist daran so besonderes? Am
Abend werde ich sagen, daß ich beginne, die Faszination zu
verstehen. Aber bis dahin liegt noch ein weiter Weg vor mir.
Eine
Prozession geleitet das Kreuz nach draußen, ins Licht der
Morgensonne. Vorneweg die Zisterzienser. Sie geben uns das Geleit bis
vor die Tore der Abtei, dort verabschieden sie sich – von uns mit
einem Lächeln, vom Kreuz mit einem Kuß auf das rauhe Holz.
Wir
ziehen alleine weiter. Wir, das sind etwa fünfzig Leute.
Natürlich die Pilgergruppe unter der Leitung von Simone
Honecker, Referentin für Glaubensbildung der af (Arbeitsstelle für Jugendseelsorge)j, etwa 25
Mitglieder der Katholischen Jungen Gemeinde (KJG), unschwer erkennbar
an den gelben Magnifikat-Schals, Weihbischof Gerhard Pieschl aus dem
Bistum Limburg und etwa 20 Menschen aus Marienstatt und Marienthal.
Wanderung
oder Wallfahrt?
In den
ersten zwei Stunden gleicht die Wallfahrt eher einer Wanderung. Wir
unterhalten uns, im Mittelpunkt steht die organisatorische
Vorbereitung auf den Weltjugendtag. Wer schläft wann wo, wie
sehen die Essensmarken aus, welche Brücken werden wann gesperrt
und wird eigentlich alles rechtzeitig fertig sein? Es herrscht
allgemeine Hektik, zu vieles ist noch unerledigt. Der einzige
Unterschied zu einer normalen Wanderung ist das Kreuz, das voran
getragen wird. Ich gebe zu, ich habe mir nie Gedanken darüber
gemacht, wie man eigentlich fast 40 kg Kreuz geschickt transportiert,
aber die Idee, Nackenhörnchen unterzulegen, erscheint mir
logisch – und so verblüffend einfach...
Mittagspause
in Kroppach. In der kleinen Kirche werden wir sehr freundlich von der
(evangelischen!) Pfarrerin begrüßt. Auf dem Hof stehen
Biertische und -bänke, wir packen die Rucksäcke aus. Die
Malteser sind mit einem Kleinbus gefahren und sorgen für
ausreichend Wasser, Bananen und Brot. Nun mischen sich auch die
Gruppen ein wenig untereinander. Dagmar (22), KJGlerin aus
Leverkusen, erzählt mir, warum sie bei dieser Wallfahrt mit
dabei ist. „Ich finde es toll, in diesem ganzen
Weltjugendtags-Overflow sich mal ein bißchen auf das
wesentliche zu besinnen.“
Das
wesentliche
Das
wesentliche, das ist der Glaube, der hier alle verbindet. Das schwere
Holzkreuz macht ihn im wahrsten Sinne des Wortes „anfaßbar.“
Als ich es selbst ein Stück trage, spüre ich das ganz
deutlich. Das Gewicht drückt mich fast zu Boden, meine Schulter
scheint trotz dämpfendem Nackenhörnchen im ersten Moment zu
zerbrechen. Wie soll ein einzelner Mensch einmal ein solches Kreuz
auf den Berg Golgatha geschleppt haben? Auf einmal wird lebendig, was
ich jedes Jahr Karfreitag höre. Passion.
Eine
Viertelstunde Schweigemarsch fällt angesichts solcher Gedanken
nicht schwer. Und auf einmal ist all die Hektik, das Chaos und die
Weltjugendtags-Vorbereitung ganz, ganz weit weg. Mein Hirn begreift,
daß mein Handy aus ist, das Internet unerreichbar, und daß
es jetzt um mich geht, um mich ganz persönlich. „Ein jegliches
hat seine Zeit“, steht im Buch Kohelet. Jetzt ist meine Zeit. Zeit
für mich.
Irgendjemand
stimmt das Taizé-Halleluja an. Ich stimme begeistert ein.
Singen tut so gut... Die Sonne strahlt vom Himmel, wir haben die
Asphaltstraßen verlassen und wandern nun durch Wiesen und über
Felder, Lied auf Lied folgt... „Großer Gott wir loben Dich.“
Nun singen wirklich alle mit. Ich fühle mich eins. Eins mit der
Gruppe, mit der Natur um mich herum, eins mit mir. Kein Nachdenken
mehr, einfach nur noch Gefühl. Fast unmöglich, es in Worte
zu fassen...
Arno
(29), Student aus Köln, versucht es. „Glauben bedeutet für
mich Gemeinschaft erfahren und erleben, ich weiß mich geborgen.
Gott verläßt mich nicht, und das gibt mir Hoffnung und
Zuversicht.“ Ja, hier in diesem Wald, auf diesem steinigen
Schotterweg, da ist der Glaube auf einmal lebendig.
Suchen
und Fragen
Und auch
die Gespräche werden lebendiger, tiefgehender. Das fast
alltäglich gewordene Christen-Bashing kommt zur Sprache. Wie
geht man mit Menschen um, die nicht „Frohe Weihnachten“ wünschen
sondern „Schöne freie Tage und möglichst wenig zu tun mit
dem ganzen christlichen Quatsch?“ Was antwortet man auf die Frage,
warum man freiwillig Mitglied einer „Verbrecherorganisation“ ist?
Wieso soll ich im Jahre 2005 die Verantwortung für die
Inquisition des Mittelalters übernehmen? Wie sinnvoll ist es,
Kreuze aus Klassenzimmern zu verbannen? Muß die Trennung von
Kirche und Staat zwangsläufig bedeuten, daß Glaube zu
etwas wird, was nur noch in den vier eigenen Wänden stattfinden
kann, schön weitab von der Welt, versteckt und hinter
verschlossenen Türen? Wieso fühlen sich Menschen dadurch
bedroht, daß ich glaube? Und wie können sie von mir
verlangen, meinen Glauben aus meinem Alltag herauszuhalten? Wieso
wird Glaube von Außenstehenden so einseitig gesehen?
Aber
auch „interne“ Kritik wird laut. Denkverbote tun weh, manche
Handlungsanweisung will man einfach nicht befolgen. Selbstbestimmt
und verantwortlich handeln, das ist das Ziel. Aber oft genug rennt
man in der Institution Kirche vor Wände, reibt sich auf und
verzweifelt. Es geht nicht um die ewige Frage nach dem Kondom, viel
mehr geht um die vielen Kleinigkeiten im alltäglichen Umgang mit
der Hierarchie. Es geht um das Bedürfnis nach Freiheit, nach
Mitbestimmung, nach Kreativität, nach Flexibilität. Dinge,
die in den alltäglichen Diskussionen mit angriffslustigen
Außenstehenden meist nicht zur Sprache kommen.
Antworten?
Konkrete
Antworten finde ich nicht. Aber Gesprächspartner, die ähnliches
erlebt haben, die über ähnliche Fragen nachdenken, und es
tut gut, über all das sprechen zu können. Den steinigen Weg
nehme ich nicht mehr wahr, auch nicht den schweren Rucksack auf dem
Rücken und die Blasen an den Füßen. Es gibt
wichtigeres.
Am
späten Nachmittag sind wir in Marienthal. Viele Menschen
erwarten uns dort. Vor dem Kloster wird das Kreuz behutsam in seinen
Ständer gestellt. Im Klostergarten erwartet uns Gegrilltes und
Salat. Der Abend endet mit einem Gottesdienst, zu dem ich leider
nicht bleiben kann. Freunde melden mir später via SMS
begeistert: „Der beste Gottesdienst jemals! So eine Stimmung!“
Für mich war es auch so schön. Das Gefühl dieses
Tages, die Ruhe und die Zuversicht, die nehme ich mit in meinen
hektischen Alltag. Auch jetzt noch, Tage danach, singt es in mir.
„Einer hat uns angesteckt... und das Feuer brennt hell!“
(Inga
Rapp)
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